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The Kinks in Zurich (1978 - 1980)

  Kinks

Kinks, Zürich und Mellow

Im Probelokal meiner Band habe ich kürzlich ein Konzertplakat welches den Eierkartons weichen musste gefunden. Tja, und das löste diese kleine gedankliche Zeitreise aus.
Dies sind ein paar Erinnerungen an eine verrückte Zeit. Eine Zeit in der man das Gefühl hatte, man stehe irgendwie im Zenit der Welt. Mittendrin im Leben. Ort der Handlung: Eine Stadt namens Zürich. Darsteller: Mellow, die Kinks, Claudine, Trix, Polizisten, Mellows Freunde, eine Menge junge Leute die glaubten sie könnten die Welt verändern und Dieter Meier.

1.
Zürich war eine verschlafene Provinzstadt. Dann kam die Punkwelle aus England angerollt und löste so was wie eine friedliche Revolution aus. Diese verschlafene Stadt wurde plötzlich zu einem Nährboden für diese Subkultur. Punkbands wie Mother's Ruin, Sperma oder Nasal schossen aus dem Boden, man lief mit Gedichtbänden von Patti Smith und Jim Morrison durch die Gegend. Englands beste Punkbands gaben ihre Visitenkarte ab, Dieter Meier (Yello) irrte 1978 mit einer akkustischen Gitarre unterm Arm herum und versuchte seine erste Vinyl-Single unter die Leute zu bringen. In der Roten Fabrik gab's Punk und Kunst und Aktivismus. Der Plattenladen an der Bäckerstrasse versorgte dich mit jeder gewünschten Art von Sound, dort konnte man alles kriegen: Sixties, Seventies, Punk, Westcoast.
Dann ging's irgendwann los mit dem Opernhaus-Knatsch, genau genommen hatte es seit den 60ern immer gebrodelt unter der Oberfläche. Per Volksabstimmung sollten 'zig Millionen in den Tempel der klassischen Kultur 'reingebuttert werden und wie immer hatte man für Jugendhäuser keine Kohle mehr. Okay, die verfeindeten Parteien gerieten in der Folge immer öfter und heftiger aneinander. An anderer Stelle kann man die Geschehnisse jenes Teils der Stadtgeschichte detailliert nachlesen, ich verzichte daher auf eine chronologische Auflistung der damaligen Ereignisse sondern schreibe nur über die Dinge an die ich mich noch erinnern kann oder will...

2.
1980: Du brauchtest damals verdammt schnelle Schuhe in Zürich, am besten Turnschuhe. Mit denen konntest du am schnellsten davonrennen wenn die Bullen wieder 'mal ein paar Schüler verprügeln wollten. Ja am liebsten die Typen die gegen fünf Uhr Abends von der Kunstgewerbeschule zum Hauptbahnhof wollten. Das waren sicher alle Sympathisanten von diesem so genannten "Sprayer" (Harald Nägeli), den die ganzen Detektive der Stadtpolizei während zweier Jahre erfolglos gejagt hatten! Und diese so genannte "Kunsti" war doch ganz klar mit dem Teufel verbündet und beherbergte tagsüber doch nur Durchgeknallte und Kiffer. Die politischen Gegner im besetzten AJZ hatten sich verbarrikadiert und wieder 'mal keine Lust auf Krawall, also schnappten sie sich eben das was gerade die Strasse lang gelatscht kam!
Auf dem Weg zum Bahnhof lag das autonome Jugendzentrum, und dort warteten sie jeweils auf uns. Okay die Jungs also mit Schulmappe auf Kopfhöhe auf der Strassenseite als Gummigeschoss-Schutzschild für die Mädchen der Klasse die sich den Fassaden der Häuser entlang drückten und dann wurde gerannt. Vorneweg der zwei Meter große Martin und da war's dann meistens auch schon geschehen. Ein durchschnittlich intelligenter Bereitschaftspolizist kriegte es beim Anblick dieser riesenhaften Gestalt mit der Angst zu tun und schon wurde mit den Schlagstöcken gerudert! Herumfliegende Gummigeschosse, Tränengaspetarden, das gehörte damals zum Alltag in Zürich. Aber irgendwie haben wir es immer geschafft zum Bahnhof...

3.
Durch diese Zeit begleiteten mich die Kinks. Meine Kinks - und die waren genial! 1978 hatten sie sich nach Zürich verirrt. Das phantastische Wunsch-Konzert bei welchem die Meute in der Volkshütte der Band die alten Songs vortrug und Ray & Co versuchten sich zu erinnern wie die denn gegangen waren. Well, da war Spontaneität gefragt! Hippies, Punks und Normalos gleichermaßen boten der Truppe einen einzigartigen Empfang in der Stadt. Sichtlich beeindruckt von der Party wurde '79 an gleicher Stätte die Show mitgeschnitten, das war natürlich wieder ein genialer Abend. Auszüge davon landeten dann auf der 80er DoLP "One For The Road".
1980 kamen sie nochmals, diesmal ins Kongresshaus. Aber es hatte sich vieles verändert in der Stadt. Man las den "Eisbrecher", hatte Angst bespitzelt, ausgehorcht, verprügelt oder in U-Haft gesteckt zu werden weil man die falschen Buttons angesteckt hatte und brauchte wie schon gesagt schnelle Schuhe. Man hörte TNT's Punk-Aufschrei "Razzia":
" Razzia - Razzia - öisi Schmier isch wieder da
Razzia - Razzia - sie wänd Kontrolle über öis ha!"
Sängerin Sara Schaer brüllte die Worte regelrecht. Echt - Razzia war in aller Munde. Ich wohnte auf dem Land, aber auch dort warst du nie sicher vor diesen lustigen Kontrollen der Streifenhörnchen. Die liebe Polizei war überall dabei, die hatten überall ihre Informanten. Stephan Eicher sang zu der Zeit mit Grauzone den Song Eisbär. Es kursierten Fotomontagen mit Eisbergen vor der Limmatstadt. Es war kalt geworden. Sehr kalt.
Am Abend des Kinks-Konzertes war wieder alles nervös in der Stadt. Wie ich 'reingekommen bin weiss ich nicht mehr, aber draußen vor der Halle gab's dann wieder Krawall und ein Mädchen verlor ein Auge durch eines dieser gefürchteten Geschosse aus Hartgummi. Das erfuhr man aber ein oder zwei Tage danach, zuerst war's nur ein Gerücht. An den Gig selbst erinnere ich mich nicht mehr so recht, offenbar bestritten Nine Below Zero das Vorprogramm. Da verschwimmt alles. Die Partylaune der vergangenen Jahre war jedenfalls verschwunden und ich glaube Ray Davis hatte das auch gemerkt, irgendwie hatten die 80er einen seltsam unterkühlten Start hingelegt.

4.
Wenn ich mir überlege welche Musik ich unter anderem die nächsten paar Jahre gehört habe, dann sagt das vieles aus: Dunklere, kühlere Formen der Popmusik wie Psychedelic Furs, The Church, Teardrop Explodes und Julian Cope, immer wieder die Stranglers, Clash, die schrillen B 52's. Gute, aber zum Teil schwer verdauliche Musik, sie spiegelt exakt den Zeitgeist jener Jahre wieder.
1981 verließ ich mit einer damaligen Freundin auch völlig entnervt eine Show der Engländer Iron Maiden. Wie konnte man nur so laut spielen - da drehte sich einem der Magen um - echt - wirklich physisch - ein schreckliches Konzerterlebnis! Auf Platte klang das ja nicht schlecht und mit dem Axemonster Eddie konntest du die Mütter aus der Bude fernhalten, aber das unaufhörliche Pfeifen/Kreischen/Sägen über der PA schnitt dir bei jenem Event das Gehirn in Tranchen. Grauenhaft, ich habe dann immer einen großen Bogen um die Truppe herum gemacht. Maiden passte haargenau zu dem verunglückten Start der 80er. Es gab aber auch Live-Highlights in dieser Übergangsphase: Led Zeppelin, McGuinn/Hillman, Lee Clayton, Fairport, Rory, Mayall, Ramones, Blondie, Jane.

5.
Wie so viele andere wendete ich mich von der Stadt ab.
Zürich war gestorben.
Eine weitere Geschichte ist mir geblieben: Trix die sommersprossige, jüngere Schwester meiner Maiden-Begleitung spielte bei einer Demo einmal Jeanne d'Arc. Sie rastete ob der schwelenden Gewalt völlig aus, ging mit Löwengebrüll auf einen Uniformierten los und stauchte den mit Worten dermassen zusammen, dass der nicht mehr wusste wer er war, woher er kam oder wohin er gehen sollte! Bevor der arme, überfahrene Polizist reagieren konnte, wurde die kleine Dame weggezerrt und in Sicherheit gebracht. Sie ist für mich ein Sinnbild der damaligen Jugend in der Stadt Zürich - sie wollte frei sein und konnte wenns sein musste für ihre Ideale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit kämpfen wie das Wappentier der Limmatstadt! Plötzlich sollte es für junge Leute keinen Platz mehr in der Gesellschaft geben, sie wurden in eine Ecke gedrängt, verjagt, verdrängt. Ich glaube Trix konnte diese Welt so wie sie damals war nie verstehen oder akzeptieren, geschweige denn verkraften.
Sie nahm sich 1986 das Leben.
Für Trix, die kleine, unvergessene Jeanne d'Arc aus der Zürcher Oberland...


Mellow


Kinks

Nachtrag:

Live waren die Kinks unschlagbar. Die hatten Humor (manchmal sogar Dave!), die hörten auf ihr Publikum und konnten sich jeder Situation anpassen. Die Kinks hatten sich selbst aus der Krise in die sie mitte 70er hineingeschliddert waren aus eigener Kraft herausgehebelt und wieder so grossartige Platten wie z.B. "Misfits" produziert. Man höre sich bloss einmal "Black Messiah" an! Ich glaube deshalb und wegen der ganzen zynischen Texte und Geschichten wurden sie von der Punk/Wave-Generation so wohlwollend aufgenommen. Und sie hatten Spirit. Sie gaben dir das Gefühl es sei keine Show, sie seien keine alternden Millionäre, sondern Leute in abgewetzten Turnschuhen wie du und ich.

Oh yeah - das waren "meine Kinks"...

© Mellow

Kinks

Kinks